Ordenszeitschrift Misericordia

Ausgabe 12/10

Entstehung eines beliebten Weihnachtsliedes

"Es ist ein Ros entsprungen"

Wie es bei der Entstehung vieler bekannter Weihnachtslieder der Fall ist, so rankt sich auch um „Es ist ein Ros entsprungen" eine Legende. Das Lied soll im 15. Jahrhundert entstanden sein, als ein Mönch namens Conradus in der Weihnachtszeit am frühen Morgen im Klostergarten eine frisch erblühte Rose entdeckt hat. Conradus, der auch Organist und Komponist war, schnitt die Rose vorsichtig ab und legte sie in der Kapelle auf den Altar.

Der Blick zur Rose

Als er danach die Christmette an der Orgel begleitete, musste er immer wieder zu der Rose blicken und war von diesem Wunder so beeindruckt, dass er nach der Mette an der Orgel sitzen blieb. Zu dem außergewöhnlichen Ereignis fielen ihm bestimmte Worte des Propheten Jesaja ein, und von beidem inspiriert schrieb er das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen." Die Melodie soll er an ein damals bekanntes Volkslied angelehnt haben.

Wissenschaftlich bewiesen ist diese Entstehungsgeschichte nicht, für lange Zeit fand sich der erste Beleg für die Existenz des Liedes im Jahr 1599 in Speyer. Dieser erste Druck beinhaltet bereits die bekannte Melodie und die ersten beiden ursprünglichen Strophen. Ein neuerer Fund korrigiert das Entstehungsjahr mithilfe eines handschriftlichen Eintrages um 1587/88 im Gebetbüchlein des Frater Conradus, des späteren Prokurators der Kartause in Mainz. Unter dem Titel „Das altkatholische Trierer Christliedlein" taucht das Lied 1605 in einem Gesangbuch in Mainz auf.

Der Chorsatz und die bis heute bekannte zweite Strophe gehen auf den Kantor Michael Schulteis zurück, der Hofkapellmeister und Komponist im niedersächsischen Wolfenbüttel war. Besser bekannt ist er heute unter dem Namen Michael Praetorius. Der Lutheraner Praetorius kürzte das zeitweise auf 23 Strophen angewachsene Lied in seiner Fassung des Jahres 1609 auf zwei Strophen. Die älteste Version von „Es ist ein Ros entsprungen" war ein Einzähllied. In den 23 Strophen werden die Ereignisse der Geburt Jesu von der Verkündigung bis hin zum Eintreffen der Heiligen Drei Könige beschrieben.

Bei der neueren Fassung spricht man von einem Rätsellied oder Allegorie-Lied. In der ersten Strophe wird ein Rätsel gestellt, nämlich dass mitten im Winter um Mitternacht eine Rose erblüht sei, und in der zweiten Strophe erfolgt die Auflösung, indem erklärt wird, um wen es sich bei der Rose handelt und dass sie als Sinnbild für Maria und Jesus steht. Der Text bezieht sich auf Worte des Propheten Jesaja aus dem Alten Testament: „Aus der Wurzel Isais wird ein Reis hervorgehen, und eine Blume wird aus dieser Wurzel aufgehen". „Reis" wurde abgeändert in „Ros" und steht ursprünglich für Reisig, also einen Zweig, aus dem eine Blume erblüht. Der Zweig verkörpert Maria, und das Blümlein bedeutet die Geburt Jesu.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde „Es ist ein Ros entsprungen" immer wieder verändert, es wurden Strophen gestrichen, hinzugefügt und umgeformt. Außerhalb der katholischen Kirche etablierte sich das Lied erst im 19. Jahrhundert. Im evangelischen Umfeld setzte es sich vermutlich aufgrund seiner im Text enthaltenen Marienverehrung nicht durch. Auch die im Gotteslob abgedruckte ökumenische Fassung (Nr. 133) konnte an dieser Tatsache nichts ändern. Neben dieser Version findet sich im Gotteslob die Mainzer Fassung von 1587/88 (Nr. 132). Zur letzteren Variante ist zusätzlich noch eine weitere Strophe hinzugefügt, die Friedrich Layritz im Jahr 1844 geschrieben hat.

Von den Nazis missbraucht

In der NS-Zeit wurde das Musikstück umgedichtet und für propagandistische Zwecke missbraucht, indem nicht mehr Maria und der Gottessohn besungen wurden, sondern die völkische Gemeinschaft und der Blut-und-Boden-Kult. Die nationalsozialistische Ideologie wurde dabei in ein scheinbar christliches Gewand gekleidet.

Die vielen Abänderungen des bekannten Weihnachtsliedes über „das Ros" sprechen für seine Bekannt- und Beliebtheit. Heute stellt „Es ist ein Ros entsprungen" trotz aller gescheiterter Versuche, eine konfessionsübergreifende Fassung zu schaffen, ein ökumenisches Lied dar und wird auch außerhalb der Kirche oft und gern gesungen.

Katrin Heinz-Karg