Ordenszeitschrift Misericordia

Ausgabe 3/08

Wie ein Anker in die Zukunft

Prälat Alfred Läpple (92, rechts) war Professor für Katechetik und Religionspädagogik an der Salzburger Universität und hat über 150 Bücher verfasst. Professor Hans Maier (76) war bayerischer Kultusminister und Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken; mit seiner Frau Adelheid (69) hat er sechs Töchter.

Ein Gespräch über die Treue mit Prälat Alfred Läpple, Professor Hans Maier und seiner Frau Adelheid

Sie sind seit 45 Jahren verheiratet beziehungsweise seit 60 Jahren Priester. Gibt es für Sie ein Symbol, gibt es Rituale, die für diese jahrzehntelange Treue stehen?

Hans Maier: Das Besondere ist eigentlich das alltägliche Zusammensein. Unseren Hochzeitstag feiern wir jedes Jahr, aber ohne großen Aufwand.

Adelheid Maier: Da gibt es ein paar Blumen oder einen besonderen Kuchen zum Kaffee. Und wir tragen Eheringe. Die gehen gar nicht mehr herunter.

Alfred Läpple: Nach dem Zweiten Weltkrieg, den ich bei der Luftwaffe 1939 bis 1945 erlebte, und nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft ist mir bewusst geworden, dass mir Gott das Leben zum zweiten Mal geschenkt hat. Als Dank habe ich mein „Adsum" gesprochen. Mein Erinnerungstag ist der 29. Juni: Am Peter-und-Pauls-Tag des Jahres 1947 hat mich Kardinal Michael von Faulhaber im Freisinger Dom zum Priester geweiht. Der Zeremoniar bei meiner Primiz am 6. Juli 1947 in Partenkirchen war übrigens der junge Philosophiestudent Joseph Ratzinger.

Was bedeutet Treue zum Partner, zum Beruf, zur Berufung für Sie? Was macht sie schwierig?

Adelheid Maier: Schwierigkeiten gibt es immer, aber sie sind dazu da, dass man sie überwindet. Als wir geheiratet haben, galt der Glaube noch viel mehr. Gott war immer mit uns, gerade in schwierigeren Zeiten. Aber wenn man zusammenlebt, muss man schon auch selber daran arbeiten, dass man zusammenbleiben kann.

Hans Maier: Wir haben sicher viel Glück gehabt, es gab keine größeren Klippen. Und uns sind sechs Kinder geschenkt worden, die uns auch zusammengehalten haben. Man wächst aus der Rolle von Mann und Frau in die Rolle von Vater und Mutter hinein. Aber der ganze Prozess war fast selbstverständlich. Wenn schon – wie Nietzsche einmal gesagt hat – die Lust nach Ewigkeit verlangt, um wie viel mehr erst die Liebe.

Alfred Läpple: Oft und oft habe ich mich gefragt: Für welche Zeit hat mich Gott als Priester gewollt? Für einen Frühling der Kirche? Für eine sterbende Kirche in Europa? Immer wieder war es der Rückblick, der mir gezeigt hat: Gott ist dir treu geblieben. Auch du musst mit Treue antworten. Nur so findest du das Glück deines Lebens.

Hans Maier: Die Gottestreue ist ein Vorbild für die menschliche Fähigkeit zur Treue. Gott ist immer der Dritte im Bunde.

Gibt es auch Treue in der Politik?

Hans Maier: Ja natürlich. Die Politik leidet ja darunter, dass die Treue abnimmt. Früher konnte man mit zwei stabilen Konstanten rechnen: die Parteien aus der christlichen Tradition und die Sozialdemokratie. Das bröckelt nun seit einigen Jahrzehnten immer deutlicher. Die Treue zu den politischen Familien nimmt ab, und damit die Berechenbarkeit. Aber das gilt nicht nur für die Politik, sondern für viele Bereiche der Gesellschaft.

Kann man es mit der Treue eigentlich auch übertreiben, Stichwort Nibelungentreue?

Alfred Läpple: Man kann Treue übertreiben. Wenn man unbeweglich oder stur wird. Oder man tarnt sich mit der Treue, um nicht offen zu sein für das Neue, das Andere. Zur Treue gehört ein berechtigter Pluralismus. Mein Leben und meine Ideale müssen nicht die des Anderen sein.

Penelope, die 20 Jahre auf ihren Odysseus gewartet hat, scheint mega-out. Wird Treue heute noch wertgeschätzt?

Hans Maier: Das menschliche Leben ist länger geworden. Früher war die Lebenserwartung viel kürzer. Die Formel „Bis der Tod euch scheidet" war sehr real. Heute klopft der Tod nicht mehr so oft und so früh an. Dazu kommt das größer gewordene Bedürfnis nach Unterhaltung. Manchmal ziehen politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen an einem vorbei wie ein schneller Film. Das alles ist der Treue feindlich. Auf der anderen Seite wünschen sich die jungen Menschen durchaus Verlässlichkeit.

Adelheid Maier: Untreue bringt viele Schmerzen mit sich. Wenn junge Leute heute sagen, wir gehen im Guten auseinander, muss man immer auch auf die Kinder schauen, was das mit denen macht. Wenn es nur noch ums Geld geht, merkt man, wie nötig der Mensch die Treue braucht.

Hans Maier: Es besteht die Gefahr, dass man sich in der Gegenwart verliert. Die Treue ist so etwas wie ein Anker in die Zukunft. Und da diese Zukunft in vielen Bereichen immer unsicherer wird, ist Treue ein gutes Gegenmittel. Wenn ich mich auf einen Menschen verlassen kann, habe ich ein Stück Zukunft gewonnen.

Alfred Läpple: Noch einmal zum Thema Lebenserwartung: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an hat die damalige Lebensdauer von durchschnittlich 40 Jahren ununterbrochen zugenommen. Wenn die Leute mit etwa 20 Jahren geheiratet haben, lag vor ihnen eine Ehe von zehn bis 15 Jahren, in der vielleicht alle zwei Jahre ein Kind kam. Heute haben sich Lebens- und Ehezeit um ein Vielfaches verlängert. Gleichzeitig ist der Glaube wie die Ehefähigkeit brüchig geworden.

Hans Maier: Bis zu einem gewissen Grad ist das auch legitim. Aber beim Zusammenleben über Jahre und Jahrzehnte muss mehr mitschwingen als der persönliche Nutzen. Und doch braucht es in der besten Ehe Bodenberührung, bis ins Finanzielle hinein. Trotzdem widerstreben mir Ehe-Verträge, die inzwischen sogar das Kirchenrecht vorsieht.

Alfred Läpple: Für mich gibt es interessante Ansätze im Recht der Ostkirchen, die verschiedene Grade der Eheschließung, auch einer Wiederverheiratung vorsehen. - Gibt es Ehen, die im Himmel geschlossen werden?

Hans Maier: Das glaube ich schon. Und du, Adelheid?

Adelheid Maier: Bestimmt kann ich sagen, dass unsere Ehe nach einer Maiandacht beschlossen wurde.

Man kann die ganze Christentumsgeschichte als Geschichte der Treue lesen. Vom Bund, den Gott mit seinem Volk Israel geschlossen hat, über den unüberbietbaren Treuebeweis in Jesus Christus bis hin zum letzten Satz des Matthäus-Evangeliums: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt". Wie kann der Mensch von der Treue Gottes lernen?

Alfred Läpple: Im Römerbrief heißt es: Wo die Sünde groß geworden ist, ist die Gnade ins Unermessliche gestiegen. Gott liebt den Menschen, er läuft ihm entgegen – wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Gott will die Versöhnung. Er gibt immer wieder die Möglichkeit, etwas gutzumachen.

Hans Maier: Man kommt in jedem Leben in Situationen, in denen man nur noch sagen kann: Lieber Gott, hilf mir weiter. Solche Stoßgebete gibt es schon in den Psalmen in allen Varianten bis zur Beschwörung. Es ist ein Problem unserer Zeit, dass sie sich nicht mehr so oft auf den Dritten im Bunde beruft. Nur im Blick auf etwas jenseits des Streits kann Friede werden.

Adelheid Maier: Für mich gehört da die Hoffnung dazu. Schon als Kind habe ich den lieben Gott ganz stark gebraucht – etwa bei der Vertreibung aus Schlesien. Als man uns die letzten Schafe genommen hat, da hat meine Mutter gesagt: Jetzt können wir nur noch den Rosenkranz beten. Das Grundvertrauen auf Gott hat mich durch alle Unsicherheiten des Lebens getragen.

Alfred Läpple: Eine ähnliche Geschichte aus Schlesien hat mir mein Kurskollege Leo Scheffczyk erzählt. Die Treue Gottes geht unserer Treue immer voraus. Er hat uns ja nach seinem Bild geschaffen. Im Menschen ist das Autogramm der Liebe Gottes eingeprägt. Deshalb ist im Grundgesetz die Menschenwürde unantastbar. Zuerst kommt das Wort Gottes, dann die Antwort des Menschen und sein Leben in Verantwortung.

„Die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn", heißt es in Schillers „Bürgschaft". Sie haben es geschafft, für lange Zeit treu zu sein. Welche Ratschläge können Sie geben?

Alfred Läpple: Für Ehepaare ist überaus wichtig: Miteinander sprechen und  miteinander spazieren gehen. Priestern würde ich empfehlen, an jene Leute zu denken, die durch ihren Abschied vom Priesterleben an der Kirche, am christlichen Glauben irre werden.

Hans Maier: Eheleute müssen Gemeinsamkeiten und Verschiedenheit mitbringen. Gemeinsamkeiten sind bei uns neben der kirchlichen Herkunft etwa die Liebe zu Gedichten – übrigens auch zu Schillers „Bürgschaft" - und zur Musik. Wenn ich heimkomme und ich höre meine Frau singen, bin ich ein glücklicher Mensch.

Adelheid Maier: Die Partner müssen wissen, dass beide Seiten nicht unfehlbar sind. Jeder macht jeden Tag Fehler und muss jeden Tag dem anderen verzeihen. Da wächst man auch wieder neu zusammen.

Hans Maier: Und man muss auch lachen können über die eigenen Unzulänglichkeiten.

Moderation: Johannes Schießl