Ordenszeitschrift Misericordia

Ausgabe 11/04

"Willenskraft Wege schafft"

Wilfried Blasberg übt mit Physiotherapeutin Heidi Herrmann das Treppensteigen.

Zu Besuch bei einem Patienten in der geriatrischen Rehabilitation

„Sie laufen ja super!" – Wilfried Blasberg freut sich über den Ausruf von Chefarzt Dr. Dietrich Hasse. Die drei Wochen, die der 66-jährige Schauspieler nun schon auf der Abteilung für geriatrische Rehabilitation am Krankenhaus Barmherzige Brüder in München verbracht hat, haben sich für ihn gelohnt, nun soll er noch knapp zwei Wochen bleiben. Für Blasberg - seine Freunde beim Theater und Fernsehen nennen ihn „Blasi" - war das „die beste Behandlung bisher". Obwohl er zuerst skeptisch war: Von „geriatrisch" wollte er eigentlich nichts hören, das klang so nach „Altenteil", obwohl ein Schauspieler doch bis 80 in seinem Beruf arbeitet!

Zusammenbruch auf der Bühne

„Blasi" hat Rollen in fast allen Münchner Theatern gespielt, im Fernsehen konnten die Zuschauer ihn unter anderem als Kriminalrat Wolf sehen, Schimanskis Chef in den legendären Tatort-Krimis der 80er Jahre. 1982 spielte er in Hans W. Geissendörfers international besetzter „Zauberberg"-Verfilmung den Brauereibesitzer Magnus. 1984 dann der Einschnitt: Während einer Hamlet-Aufführung bei den Bad Hersfelder Festspielen - Blasberg spielt makabrer Weise einen Totengräber – erleidet er eine „Massenblutung" im Gehirn, bricht auf der Bühne zusammen. Seine Schwägerin im Publikum, Ärztin, erkennt den Ernst der Lage, sorgt dafür, dass der Schauspieler in die Uni-Klinik Gießen gebracht wird. Wegen der linksseitigen Lähmung lebt er fast zwei Jahre mit dem Rollstuhl. „Da habe ich mich selber wieder herausgearbeitet", sagt er heute. Sein Lebensmotto: „Willenskraft Wege schafft".

Diesen Willen zum „Dennoch" stellte Wilfried Blasberg noch mehrmals unter Beweis: als er sich 1995 nach drei Herzinfarkten wieder aufrappelte, und vor zwei Jahren nach einem Sturz, bei dem der linke Arm an zehn Stellen brach. Sein Äußeres unterstreicht dieses entschlossene Nach-vorne-Schauen: Die Haare sind möglichst nicht länger als zwei Millimeter, die blauen Augen blicken interessiert in die Welt, auf Menschen, Texte, Drehbücher ...

Ziel der Rehabilitation älterer Menschen ist es, die Alltags-Selbständigkeit der Patienten zu erhalten, Funktionseinschränkungen zu beseitigen und Pflegebedürftigkeit zu verhindern. Konkret bedeutet das zum Beispiel: Wilfried Blasberg bekam auf der „geriatrischen Reha" eine Knie-Orthese am linken Bein verordnet. Diese Gelenkstütze soll das schädliche „volle Durchschlagen" des Knies verhindern, erläutert Physiotherapeutin Heidi Herrmann.

Nicht wieder in alte Muster verfallen

Durch gezielte Schmerzlinderung und Gangschule versucht sie mit dem 66-jährigen ein Gangbild zu erarbeiten, um eine Operation an dem arthrotischen Knie zu vermeiden. Als Wilfried Blasberg in die geriatrische Reha kam, berichtet die Physiotherapeutin, sei er gewissermaßen seitwärts gegangen und habe die linke Körperhälfte nachgezogen. Um zu verhindern, dass der linke Fuß nach innen oben geht, umwickelt Heidi Herrmann ihn so mit einer Binde, dass der Patient nicht wieder ins „alte Muster" verfällt. Fuß, Knie, Arm, Kopfhaltung – alles hängt zusammen.

Nach fast einer Stunde mit der Physiotherapeutin – Orthese anlegen, Aufstehen, Hinsetzen, Gehen, Training auf dem Laufband, Treppen steigen – ist Wilfried Blasberg fix und fertig. Die Therapeutinnen seien „streng, aber herzlich", meint er. Fügt aber auch hinzu: „Ich kann gar nicht sagen, wie gut mir die Krankengymnastik tut." Und auch andere Angebote wie etwa die Ergotherapie, bei der „Blasi" lernt, feinere Bewegungsabläufe im Alltag zu koordinieren.

Leben weiter selbst gestalten

Natürlich wird Blasberg, wenn er wieder zu Hause in seiner Wohnung im Münchner Stadtteil Untermenzing ist, nicht zu ausgedehnten Waldläufen aufbrechen. Aber mit Hilfe eines Pflegedienstes und seiner „Hausdame", die sich zwei Mal wöchentlich um den Haushalt kümmert, wird er weiter sein Leben selbst gestalten können. Er wird ab und zu in der Gaststätte nebenan essen, zur Bank auf der gegenüberliegenden Straßenseite gehen und sich vielleicht wieder einen Hund anschaffen. Seine „Lebensgefährtin", ein Mops, ist nämlich vor einigen Wochen gestorben.

Von seiner Ehefrau hat sich Wilfried Blasberg schon vor 25 Jahren getrennt. Zwei der vier Kinder wohnen mit ihren Familien in der Nähe und kümmern sich um ihn, auch die Ex-Frau schaut immer wieder mal vorbei. Auch das ist ein Vorteil der geriatrischen Reha: Während er bei früheren Reha-Maßnahmen weit weg von zu Hause war, kann ihn hier die Familie viel leichter besuchen.

Insgesamt ist der Schauspieler mit seinem Aufenthalt in der geriatrischen Reha am Krankenhaus Barmherzige Brüder sehr zufrieden, er habe ihm „geholfen, wieder Lebensmut zu finden". Das sei nicht zuletzt auch ein Verdienst der Seelsorge, die ihm als „Kraftquelle" viel bedeute.

js